Von Dorothea Ehlen und Ehemaligen der Theatergruppe am Regino-Gymnasium

Als ich am 1. Juni erfuhr, dass Maria Kühn am Tag vorher infolge einer Operation unerwartet verstorben war, riss es mir für einen Moment den Boden unter den Füßen weg. Wir hatten noch eine Woche vorher telefoniert, sie erzählte von ihrem bevorstehenden Krankenhausaufenthalt, wir wollten nach der überstandenen Behandlung möglichst bald wieder an dem arbeiten, was uns über ein Jahrzehnt immer enger verbunden hat: die Inszenierung von Theaterstücken mit Gleichgesinnten.

Mehr als 10 Inszenierungen haben wir zusammen auf die Bühne gebracht und unzählige Stunden mit tollen Leuten geplant, geschrieben, geprobt, gelacht, gezittert und uns wahnsinnig gefreut, wenn das Ergebnis der gemeinsamen Arbeit jedes Mal auf neue Weise interessant war. Theater war für uns beide ein Gesamtkunstwerk, in dem der Mensch all seine Fähigkeiten in wunderbarer Weise verschmelzen und sich in den Variationsmöglichkeiten des Rollenspiels ständig neu erfinden und präsentieren kann.

Obwohl in vielerlei Hinsicht verschieden, waren Maria Kühn und ich seelenverwandt, liebten in der Literatur und im Theater die gleichen Dinge und hatten vor allem einen ähnlichen Humor. Im Laufe der Zeit rückten wir immer enger zusammen, verstanden uns auch ohne viele Worte und freuten uns auf jedes gemeinsame Projekt mit unseren treuen Theaterleuten.

Ich verliere mit Maria Kühn eine liebenswerte Freundin und eine großartige Theatergefährtin.

Im Folgenden sind Reaktionen von Ehemaligen aus unserer Theatergruppe mit Fotos aus der gemeinsamen Zeit zusammengestellt , die zeigen, wie sehr Maria Kühn durch ihre Theaterbegeisterung und ihre Persönlichkeit gewirkt hat.

Wir werden sie unendlich vermissen!

(Die Namen sind so zitiert, wie sie in einer Chat-Gruppe Ehemaliger angegeben wurden)

Lenanami:

Frau Kühn war eine tolle Lehrerin. Nicht nur im Theater hat sie mir viel Wertvolles beigebracht. Auch in für mich persönlich schwierigen Zeiten hat sie sich Zeit genommen, um zuzuhören, beizustehen und Kraft zu schenken. Nichts bringt sie zurück, doch in unseren Herzen ist sie immer bei uns.

Fabian:

Ohne Frau Kühn hätte ich das Theater nie so für mich entdeckt, wofür ich sehr dankbar bin, da es für mich einen wichtigen Teil meines Lebens ausmacht, womit sie auch einen wichtigen Teil meines Lebens ausmacht.

Katharina:

Frau Kühn ist mit uns in der Probenarbeit auf jeden Fall nie den Weg gegangen, der für uns der bequemste war oder auch der, mit dem wir uns immer wohlgefühlt hätten. Allerdings war genau das wahrscheinlich der Weg, der uns am meisten herausgefordert hat.

Außerdem werde ich nie vergessen, wie sie mir in der 5. Klasse gezeigt hat, wie man auf der Bühne lacht (ich habe damals mit Sinje ein Meisenpaar gespielt), auch wenn man eigentlich gar nicht lachen muss. Es funktioniert, indem man ganz viel Luft aus dem Bauch nach oben drückt. Seitdem habe ich diese Technik weitestgehend perfektioniert und mir angewöhnt, bei schlechten Witzen von Freund*innen besonders laut und falsch zu lachen- dabei denke ich tatsächlich jedes Mal an Frau Kühn.

Die Liebe zum Theater, die unter der Leitung von Frau Ehlen und Frau Kühn entdeckt habe, hat mich nie wieder losgelassen, weshalb ich gerade alle Ausbildungsschritte durchlaufe, um selbst eine Theater-AG leiten zu dürfen.

Sigrun:

Sie war vor allem einfach immer dabei, eines der treuesten Mitglieder, die unsere AG hatte.

Frau Kühn hat ihr ganzes Herzblut ins Theater gesteckt, sie hat dazu beigetragen, dass wir unsere Performance immer mehr perfektionieren. Wir alle haben in den Jahren viel gelernt.

Nils:

Ich erinnere mich noch daran, dass Frau Kühn mir vor jeder Aufführung dabei geholfen hat, mein Kostüm zu ordentlich zu richten und mir die Daumen gedrückt hat. Ich bin ihr dankbar dafür, dass sie immer so viel Geduld mit mir hatte und auch für die schöne Zeit in der AG.

Mähry:

Sie hat mal mit mir Reiki gemacht, als ich vor Sommernachtstraum eine allergische Reaktion im Gesicht hatte und mir das ganze Gesicht zugeschwollen ist. Sie hat mich damit echt runtergebracht, auch wenn ich etwas schmunzeln musste. Sie war einfach eine coole Frau, die genau wusste, was sie wollte.

Jenius:

Frau Kühn war für mich eine leidenschaftliche Idealistin, im Streben danach, Szenen zu perfektionieren. Sie hatte immer ein klares Bild vor Augen und hat das klassische Theater einfach durch und durch gelebt. Ich werde nie vergessen, wie wir oft stundenlang bestimmte Szenen immer wieder durchgeprobt haben bis wirklich jede noch so kleine Geste, Tonlage, Stimmung und der Rhythmus der Bewegung gepasst hat. Ich danke Frau Kühn dafür, dass sie zusammen mit Frau Ehlen meinen Theatergrundstein gelegt hat und ich will die lustige und schöne Zeit nie vergessen.

Anna:

Ich glaube, es gab niemanden, der meinen Ausdruck so oft korrigiert hat wie Frau Kühn. Jedes Mal war es so:

Nachdem ich Ewigkeiten damit verbracht hatte, den Text zu lernen, all meinen Mut zusammenzunehmen, um einen dramatischen Auftritt geben zu können…kam dann das typische: „Du muss viel langsamer und deutlicher sprechen, Anna!“, oder irgendwann einfach nur noch kurz und knapp „langsamer und deutlicher“. In jeder Probe und in jeder Szene, dutzende Male….Auch wenn ich damals in typischer Teenager Manier innerlich mit den Augen gerollt habe, muss ich heute darüber lächeln. Wenn ich jetzt eine Präsentation halten muss oder jemand mich darauf hinweist, dass ich zu schnell spreche, höre ich manchmal immer noch die Stimme von Frau Kühn „langsamer und deutlicher“.

Aber ganz allgemein gesagt: Die Kombination von Frau Ehlen und Frau Kühn als Theaterlehrerinnen unserer schönen Theatergruppe hat meine Schulzeit enorm bereichert.

Svenja:

Frau Kühn hat in den Proben zu jeder Sekunde voll und ganz gezeigt, wie viel Leidenschaft sie für das Theater hat und war erst zufrieden, wenn alles perfekt war. Sie hat mir geholfen in meinen Rollen Sicherheit zu finden und mich auch in den Rollen, die für mich am herausforderndsten waren, am Ende doch pudelwohl zu fühlen. Zusammen mit Frau Ehlen hat sie mir die Liebe zum Theater beigebracht und mir dabei geholfen, meine frühere Schüchternheit komplett zu überwinden und zu der Person zu werden, die ich jetzt bin. Durch

ihre Unterstützung werde ich wohl immer mit dem Theater verbunden sein und trage das sogar stolz auf der Haut („All the world´s a stage“-Shakespeare). Ich habe uns nie als eine AG wahrgenommen, sondern immer als eine kleine Theaterfamilie, mit Höhen und Tiefen, aber immer mit Zusammenhalt.

Ich werde mich wohl bei jedem Döner, den ich esse, daran erinnern, wie wir zusammen beim Landesschultheatertreffen waren. Wir haben uns alle Döner geholt, mussten aber schnell zum Bus und deswegen musste ich dann im Gehen essen. Mir ist die Soße an den Beinen runtergelaufen und Frau Kühn hat nicht aufgegeben, neben mir herzulaufen und währenddessen meine Beine immer wieder abzuwischen. Ich habe durch sie und mit ihr viel gelernt, wofür ich ihr immer dankbar sein werde.

Jana Dingels:

Sie hat immer versucht, neben dem Ansporn, immer weiter an sich zu arbeiten, den Sinn hinter dem zu vermitteln, was wir da spielen. Sie hat mir das Theater nicht nur als einen Ort für Schauspiel und Kreativität, sondern vor allem als Raum für Gesellschaftskritik und Darstellung philosophischer Fragen nähergebracht.

Anne-Ly Redlich:

Meine erste Erinnerung an die Theater-AG ist eine große Unsicherheit. Eine Theatergruppe wächst über die gemeinsame Zeit sehr eng zusammen. Diesen Zusammenhalt, egal wie offen die Gruppe sich Dir gegenüber verhält, spürst Du als Neuling sofort. Ich hatte ohnehin immer ein bisschen Angst vor älteren Schüler*innen und dann war ich formal auch noch ein Jahr zu jung für die AG. Ich denke, in der ersten Zeit hätte man mich durchaus als verschüchtert bezeichnen können. Als wäre das alles noch nicht genug gewesen, erfuhr ich bald, dass es neben Frau Ehlen, die man bei allem Respekt nicht als furchteinflößend beschreiben kann, eine zweite AG-Leiterin gab. Und diese Frau Kühn, so hieß es, sei streng. „Streng“ ist ein Wort, das einem braven Kind – und Herrgott, war ich scheußlich brav! – Angst macht, obwohl ein solches Kind selten in den Konflikt mit Strenge kommt. Dementsprechend zitterte ich ein wenig vor der Vorstellung dieser Frau Kühn. Rückblickend haben mich Erfahrungen wie diese gelehrt, wie wichtig es ist, sich ein eigenes Bild zu machen. Ich kann heute sagen, dass Frau Kühn fester Bestandteil vieler der schönsten Erinnerungen an meine Schulzeit ist.

Ich denke, dass gerade Lehrer*innen das Etikett „streng“ schnell aufgeklebt bekommen. Es kann vieles bedeuten. In Bezug auf ihre Arbeit in der Theater-AG würde ich Frau Kühn als zielstrebig beschreiben. Man hatte eine Aufführung auf die Beine zu stellen und das ordentlich. Gleichzeitig war sie aber niemals verständnislos. Lampenfieber und anderen Dingen dieser Art begegnete sie zwar energisch, aber einfühlsam. An sommerlichen Samstagsproben wurden wir von Frau Kühn immer liebevoll mit frischen Erdbeeren, Kirschen oder Melonenstücken versorgt. Diese Samstage waren eine Zeit voll intensiver kreativer Arbeit, Musik, guter Laune und prickelnder Vorfreude auf die näher rückende Aufführung.

Ich bin nicht zuletzt Frau Kühn sehr dankbar für diese Erinnerungen.

Mein Jahrgang hat im Frühjahr 2020 Abitur gemacht. Das heißt soviel wie: Keine Abifeier,

dafür viel Post. Keine Möglichkeit, sich angemessen von lieben Menschen zu verabschieden. Einfach irgendwie vorbei.
In Ordnung, denkt man. Wird nachgeholt. Irgendwann ist die Pandemie rum. Dann sieht man sich. Dann sagt man sich ins Gesicht, was es für eine schöne Zeit war und was man alles mitnimmt und wie dankbar man ist für dies und das.

Es macht mich traurig, dass mir das in diesem Fall nicht mehr möglich sein wird.
Die nächste Theateraufführung werde ich von der anderen Seite des Raumes aus miterleben. Aber ob man auf der Bühne steht oder irgendwo im Publikum sitzt, die erste Reihe sieht man immer. Und dort wird jemand fehlen.

 

„Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch?“

Der Autor, von dem dieses handgreifliche Zitat stammt, hat der Theatergruppe des Regino-Gymnasiums einen kräftigen literarischen Faustschlag verpasst. Es ist Franz Kafka.

Etwas Furchtbares steht bevor! Ein Revisor soll kommen und die Gemeinde unter die Lupe nehmen!

So geschieht es in einem Provinzstädtchen wie Prüm, nennen wir es Molotow, und es könnte ungemütlich werden, so warnt der Bürgermeister seine Stadtbewohner. Denn jeder hat etwas zu verbergen.

In diesem Jahr hat sich die Theater-AG des Regino-Gymnasiums in Zusammenarbeit mit der Zirkus-AG mit einer bitter-süßen Satire ganz nah an den Abgrund gewagt, an jenen Abgrund, auf den die Menschheit unaufhaltsam zu rennt, indem sie sich als konsumierende Masse, einer tumben Schafherde gleich, der Manipulation durch den Markt widerstandslos ergibt.