21.08.2019 :: Fachschaften / Geschichte / Im Widerstand / 

„Im Widerstand – Größe und Scheitern der Opposition gegen Hitler“ - Besuch von Prof. Dr. Wolfgang Benz 2019

Von Mathias Christmann

„Warum so wenige? Warum so spät? Warum so erfolglos?“ – Vortrag von Prof. Dr. Wolfgang Benz zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus am 15.05.2019 im Fürstensaal des Regino-Gymnasiums Prüm 

In einer Veranstaltung des Geschichtsvereins Prümer Land e. V. in Kooperation mit dem Regino-Gymnasium Prüm und dem Verein der Ehemaligen und Freunde des Regino-Gymnasiums Prüm e. V., sprach der renommierte Historiker Prof. Dr. Wolfgang Benz am 15.05.2019 im Fürstensaal des Regino-Gymnasium Prüm vor über 120 Zuhörerinnen und Zuhörern zum Thema Widerstand im Nationalsozialismus. Der Initiative des Vorsitzenden des Geschichtsvereins, Volker Blindert, war es zu verdanken, dass der langjährige Mitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte München und spätere Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin, am folgenden Vormittag auch noch den Schülerinnen und Schülern der Jahrgangsstufe 12 des Regino-Gymnasiums zu einer ausführlichen Diskussion über Bedeutung und Aktualität des Themas zur Verfügung stand. 

Der Schulleiter des Regino-Gymnasiums, Herr OStD Petri, brachte in seiner Begrüßung seinen tiefempfundenen Respekt vor der akademischen Lebensleistung von Wolfgang Benz zum Ausdruck und umriss Leben und Werk des vielfach ausgewiesenen Experten für den Nationalsozialismus, der speziell in der Erforschung des Antisemitismus, seiner Strukur und Entwicklung, aber auch seiner Nachwirkung, Grundlagenarbeit geleistet hat. Sein Werk zum Widerstand arbeite mit dem Mittel der „szenischen Verdichtung“, indem exemplarische Fälle die verschiedenen Bereiche des Widerstandes eindrucksvoll illustrierten. 

Prof. Benz eröffnete seinen Vortrag mit einer kurzen Einführung in die Diskussion über den Widerstandsbegriff als solchen: Was meinen wir, wenn wir von „Widerstand“ sprechen? In Abgrenzung zu der vor allem von Martin Broszat entwickelten feingliedrigen Typologie, die unter den Begriffen „Resistenz“, „Verweigerung“ oder „Nonkonformismus“ eine Vielfalt von regimekritischen Verhaltensweisen umfasst, legte Benz auch in der anschließenden Diskussion Wert darauf, dass Widerstand mehr sei als eine private oppositionelle Haltung, mehr als das Bewahren bestimmter Lebensformen und -praktiken unter Gleichgesinnten. Es sei vielmehr jene Haltung, die aus Opposition heraus etwas gegen die Verhältnisse unternehme und – dieser Punkt ist für seine Definition zentral – sich dabei selbst gefährde. Während es also durchaus mannigfaltige Beispiele für Verweigerung und Nonkonformismus gebe, müsse man doch konstatieren, dass diese Verhaltensweisen oft eben gerade deshalb existieren konnten, weil sie dem Regime selbst nicht gefährlich werden konnten, so Benz auf die kritische Nachfrage eines Zuhörers. 

Mit seiner Überblicksdarstellung („Im Widerstand – Größe und Scheitern der Opposition gegen Hitler“, München 2018) ziele er zum einen darauf, den Widerstand in seiner ganzen Breite, unabhängig von den Motiven, darzustellen, zum anderen wolle er der in Spezialbereiche ausdifferenzierten Forschung ein Werk an die Seite stellen, das bewusst ein breiteres Publikum ansprechen solle. 

Inbegriff des Widerstandes sei der Schreinergeselle Georg Elser; dieser habe 1938 beschlossen: „Dieser Hitler ist das Unglück; er muss weg“. Sein Attentat sei das bestvorbereitete gewesen und es sei nur ein Zufall gewesen, dass Hitler einige Minuten vor Zündung der Bombe den Bürgerbräukeller verlassen habe.  

Den Hauptteil seines Vortrages bildeten zwei Bereiche, die Benz exemplarisch herausgriff: 

Zum kirchlichen Widerstand bemerkte Benz, dieser zeichne sich dadurch aus, dass beide Kirchen als Institution keinen Widerstand geleistet hätten. Vielmehr hätten einzelnen Personen aus christlicher Gesinnung gehandelt, seien dann aber nicht von ihrer Kirche geschützt worden. 

Das ausführlicher geschilderte Beispiel war die „Rote Kapelle“, deren faire Beurteilung Benz ein besonderes Anliegen ist. Das Besondere an dieser Gruppierung liegt darin, dass in der Rezeption nach 1945 deren Stigmatisierung durch die Gestapo fortwirkte, und zwar, so Benz, bis ins 21. Jahrhundert hinein.  

Die überraschende Pointe der Geschichte der „Roten Kapelle“ präsentierte Benz zum Schluss, indem er deren Instrumentalisierung durch Geheimdienste in Ost und West während des Kalten Krieges aufzeigte. 

Leider weniger überraschend war die Tatsache, dass die Prozesse gegen die NS-Richter ohne deren Verurteilung endeten. Das Abschlussplädoyer von 1951 habe die Täter gestützt, sei es aus juristischer Kollegialität oder aus politischer Sympathie heraus gewesen. 

Der Generalrichter Roeder – der diesen Titel bis zu seinem Lebensende verwendet habe – sei auch danach noch sehr darauf bedacht gewesen, seine Version der Geschichte zu untermauern und habe sich dazu der Konfrontationslogik des Kalten Krieges bedient: So habe er in seiner Darstellung der „Roten Kapelle“ aus dem Jahre 1956, die Benz als „Pamphlet“ bezeichnete, behauptet, es gebe eine Strategie zur Reaktivierung des Netzwerks der „Roten Kapelle“ durch Ost-Berlin. 

Der Logik der östlichen Sicht der Dinge entsprechend, aber weitestgehend unbekannt, war die parteioffizielle Sicht in der DDR: Widerstand habe es nur durch Kommunisten oder unter deren Anleitung geben können. Die „Rote Kapelle“ sei – so die Legende – ein angeschlossener Verband der KPD gewesen und habe von dieser ihre Anweisungen empfangen. Diese Geschichtsfälschung – so Benz – sei ein Projekt der Stasi, initiiert von Erich Mielke höchstselbst Mitte der 1960er Jahre gewesen. Man habe versucht, damit eine Traditionslinie zur Stasi zu schaffen und dafür erhebliche Uminterpretationen vorgenommen, um eine Legitimation der Stasi durch den Widerstand zu erhalten. Ein Team von Geheimdienstoffizieren habe dazu gezielt Biographien der beteiligten Personen gefälscht. 

Wiewohl schlaglichtartig und eben exemplarisch veranschaulichten Vortrag und Diskussion eindrucksvoll Grundprobleme der Wahrnehmung des Widerstandes wie der NS-Zeit allgemein. 

Diese wurden am Folgetag in der Diskussion aufgegriffen und, vorangetrieben durch intelligente und hartnäckige Schülerfragen, weitergeführt. Dabei interessierte die Schülerinnen und Schüler vor allem die bleibende Aktualität des Themas: Weshalb handeln Menschen so, wie es die Täter im NS getan haben? Gäbe es heute mehr Widerstand? Was muss man jetzt angesichts aktueller Entwicklungen in Politik und Öffentlichkeit tun? 

Wolfgang Benz nahm die jungen Menschen hier in die Pflicht, populistischen Vereinfachungen und der Stigmatisierung von Minderheiten entgegenzutreten. Zeit seines Lebens habe er die Erfahrung gemacht, dass man nicht mehr tun könne, als immer wieder der Kraft des besseren Argumentes zu vertrauen. Mehr sei auch derzeit nicht erforderlich, die Situation in dieser Hinsicht in keinster Weise mit der NS-Zeit vergleichbar. Allerdings gelte es wachsam zu sein, um zu erkennen, wohin die Richtung gehe und den Anfängen zu wehren. 1942 sei es angesichts eines voll ausgebildeten Unterdrückungsapparates de facto kaum noch möglich gewesen, Widerstand zu leisten, aber 1933 habe es diese Möglichkeit noch gegeben. 

In diesem Sinne sollten wir heute wachsam für die Entwicklung sein: Ab 1929 sorgte eine Krise für das Zerbrechen der letzten parlamentarisch legitimierten Regierung. 1930 hatte die NSDAP erstmalig einen größeren Erfolg an der Wahlurne. 1931 kam es zum Schulterschluss der antidemokratischen Kräfte der Rechten. 1932 wurde die NSDAP stärkste Fraktion im Reichstag und stellte zusammen mit der linksextremen KPD eine antidemokratische Mehrheit im Parlament dar. Wie auch immer man die Machtübertragung von 1933 bewerten muss: Sie war letztlich der Schlusspunkt einer Entwicklung, deren Anfänge eher unspektakulär daherkamen.