25.04.2019 :: Fachschaften / Geschichte / Volkstrauertag 2018 / 

Schulleiter Albrecht Petri spricht zum Volkstrauertag am 18.11.2018

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, die Sie sich hier eingefunden haben, um am heutigen Volkstrauertag der Toten unserer Stadt Prüm zu gedenken. 

Es ist mir eine große Ehre, heute an diesem Ort die Ansprache halten zu dürfen. Für dieses Vertrauen danke ich Ihnen, sehr geehrte Frau Weinandy, als unserer Stadtbürgermeisterin sehr herzlich.

Saxa loquuntur – zu Deutsch: Diese Steine sprechen. Ihre Sprache zu verstehen, ist eine Aufgabe, die Umsicht und Respekt verlangt.
Ich übernehme diese Aufgabe zunächst als Historiker,
dann als Angehöriger einer Generation, deren Eltern den Krieg erlebt haben,
schließlich und vor allem als Schulleiter des Regino Gymnasiums.

Nähert man sich diesem Ort, an dem wir hier und jetzt versammelt sind, als Historiker, tut man dies ihm im Bewusstsein, dass dies nur einer von mehreren Gedenkorten in Prüm ist: ich denke vor allem an den Friedhof, den Explosionskrater und den Eingangsbereich unseres Gymnasiums.

Die Geschichte dieses „Kriegerdenkmals“, wie es bisweilen noch genannt wird, verweist zurück auf den 30-jährigen Krieg, der vor 400 Jahren begonnen wurde.
Das auffälligste Denkmal dieses Ortes aber lenkt die Gedanken zurück zum ersten Weltkrieg, der vor 100 Jahren zu Ende ging. Errichtet im Jahre  1927, ist es „den Helden 1914 – 1918“ gewidmet. Es zeigt einen stahlbehelmten Jüngling. Wie in der Antike bei einem Heros (einem Helden also) üblich, ist der Oberkörper entblößt. Die rechte Hand hält ein verkürztes, also machtloses Schwert; die linke stützt den resigniert, wenn nicht schamvoll geneigten Kopf. Darunter finden sich die Namen all‘ derer, die in diesem ersten Krieg zu Tode kamen.

Das Denkmal stand - typisch für jene Zeit - im Herzen unserer Stadt. Täglich sollte es dort die Erinnerung wachhalten an den Opfergang der Gefallen – wie man das damals wohl genannt hat.
Ob dieser Heldenbegriff alle denen geholfen hat, die ihren geliebten Sohn, ihren Freund, ihren Bruder oder ihren Ehemann verloren haben? Ob so dem Sterben dieser Männer ein nachträglicher Sinn verliehen werden konnte? Für uns, die wir im Frieden leben, im Frieden geboren wurden, ist die Antwort klar.

Das Denkmal selbst  ist nicht mehr intakt: Vor allem fehlt der linke Unterarm, auf den der Jüngling seinen Kopf stützte. Spuren jenes zweiten Krieges!

„Den Toten des Krieges 1939 - 1945“. Die Sprache der Gedenktafel ist bewusst neutral. Das Denkmal insgesamt ist ein Abbild dieses zweiten Krieges. Die Opferzahlen zeigen die vernichtende Wucht der letzten beiden Kriegsjahre 1944 und 1945. Von einigen Toten kennen wir ihre Ruhestätten. Sie liegen
- in Polen, der damaligen Sowjetunion, der Ukraine,
- in Weißrußland, Litauen und Estland,  
- in der damaligen Tschechoslowakei und in Bulgarien,
- sowie in Belgien, Frankreich, den Niederlanden und in Tunesien. Diese Aufzählung zeigt, wie weit jener Diktator damals deutsche Truppen in alle Himmelsrichtungen getrieben hat. Hinter jedem Namen steht ein ausgelöschtes Leben, stehen Begabungen und Hoffnungen, die sich nicht verwirklichen konnten.
Die Todesumstände wollen und können wir uns heute nicht mehr vorstellen. Die Generation derer, die den Krieg als junge Männer miterlebt haben, ist in ihren Neunzigern.

Daher spreche ich nun als Angehöriger einer Generation, deren Eltern den Krieg erlebt haben.

Ein Jahrgang erscheint besonders oft auf diesen Gedenktafeln. Es ist der Jahrgang 1925, der Geburtsjahrgang auch meines Vaters; als Funker bei der V 2 hatte er – wie er sich ausdrückte – „viel Glück gehabt“; er hatte einen Vorgesetzten, der im April 1945 die Gefangenschaft einem sinnlosen Sterben für den sogenannten „Endsieg“ vorzog. Ich zitiere: „Wir haben damals Krieg spielen müssen“ – so das Resümee meines Vaters. Es ist voller bitterer Ironie. Ihm war klar, dass die -sogenannten- „Weihnachtsgrüße der V2 an die Engländer“ tödlich waren.

Meine Mutter, Jahrgang 1926, erzählte, wenn sie überhaupt erzählte, von ihrer Heimat, die längst auch Front war, von den „Christbäumen auf Kassel“, von Jagdbombern, von der Zerstörung der Edersee-Talsperre. Eine Gruppe von Jungen aus ihrer Klasse überlebte den Volltreffer auf eine FLAG-Stellung nicht.  In den Jugendorganisationen der Partei hatten sie singen müssen:  „Und die Fahne führt uns in die Ewigkeit!“ Ich werde den Ton nie vergessen, in dem meine Mutter dies alles erzählte. Jeder Heldenkult wurde auf diese Weise fraglich. Die Frage nach dem „Wozu?“ – die Frage wurde zu einer bitteren, bohrenden und v.a. ein Leben lang bleibenden.

Zurück nach Prüm, wo sich vor allem in den letzten Monaten des Krieges Vergleichbares ereignete und dieselben Fragen hinterließ.
Was vor diesem Hintergrund und mitten im gerade begonnenen Neuaufbau die Explosionskatastrophe vom 15. Juli 1949 bedeutete, kann nur ermessen, wer diese erlebt hat. Gut, dass zahlreiche Bücher, vor allem aber Zeitzeugen diesem Ereignis ihre Stimmen gaben und geben.

Abschließend will ich als Schulleiter des Regino-Gymnasiums sprechen.  

Ich weiß, dass selbst das Gedenken inzwischen ein umkämpftes Gelände ist. Ich kenne die Stimmen, die vom „Gebot zu Vergessen“ sprechen. Das tun sie etwa mit dem Hinweis auf den Westfälischen Frieden, der jenen 30-jährigen Krieg beendete:  Perpetua oblivio et amnestia. Ewiges Vergessen und Vergeben. Diese Devise galt nach dem dreißigjährigen Krieg. Folglich wird dieses Vergessen als kulturelle Errungenschaft bezeichnet, denn das Erinnern schüre destruktive Energien.

Und in der Tat, solche destruktiven Energien lassen sich aufbauen und schüren, wenn man Geschichte einseitig deutet, wenn man Täter-Opfer-Diskussionen einseitig führt, wenn man mit Geschichte nationalistische Politik macht. Leider gibt es in Deutschland und Europa wieder Beispiele für solche Versuche.

Saxa loquuntur: Diese Steine sprechen. 

Ihre Botschaft ist für einen Angehörigen meiner Generation und für den Leiter einer Europaschule klar:
Europa ist nach dem Zweiten Weltkrieg als „verunsichertes Kind der Angst“ (Tony Judt) zur Welt gekommen.
Es ist seit über 70 Jahren ein Friedensprojekt, das glückte, weil kluge Politiker unbeirrbar diese Linie verfolgten: Frieden durch Recht.
Unrecht hat, wer behauptet, Kriege kämen in gesetzmäßiger Abfolge! Es gibt keine Gesetze der Geschichte! Nein, Kriege sind von Menschen gemacht oder nicht verhindert worden. Auch Frieden ist das Werk von Menschen, von klugen Menschen. Hier in Prüm erinnert uns der „Friedensweg“ an deren Leistung; ich zitiere: „Besinne Dich an den licht-weißen wie finster-schwarzen Grenzsteinen darauf, dass Grenzen überwunden werden müssen, um Frieden zu finden. Der Weg dahin lohnt!“

Ich komme zum Schluss: Vor wenigen Wochen wurden Jan und Aleida Assmann mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet:
Aleida Assmann sieht in Europa eine Erinnerungsgemeinschaft. Das gemeinsame Erbe bestehe in einer traumatischen Gewaltgeschichte. In diesem Erbe aber erkennt sie eine „Versicherungspolice“ gegen die Wiederholung von gefährlichen Denk- und Handlungsmustern. Was heißt das?
Europäer – so Assmann – beschränken sich nicht auf das eigene Heldentum, sondern bedenken stets auch ihr Mitverschulden. So entsteht das, was sie eine dialogische Erinnerungskultur nennt.

Und darum erinnern wir uns heute an das eigene Leiden und
das den Nachbarn zugefügte Leid. Indem wir unserer Toten gedenken, rufen wir auch die Opfer der eigenen Gewalt in Erinnerung. Erst dann werden jene wichtigen Gesten der Versöhnung
in der Breite der Bevölkerung und der Tiefe der gemeinsamen Erinnerung glaubwürdig verankert. Ich denke an jene Gesten der großen Politik:  Adenauer und de Gaulle, Willy Brandt, Kohl und Mitterand, jüngst Merkel und Macron.

Ich denke aber vor allem an den Brief der polnischen Bischöfe an ihre deutschen Kollegen vom 18. November (!) 1965, sein Kerngedanke lautet: „wir vergeben und bitten um Vergebung“. Ein Wort von wegweisender, ein Wort von europäischer Größe.

Dieser Ort und diese Gedenkveranstaltung – so hat es ein Schüler der Klasse 10p unseres Gymnasiums formuliert – dienen als Mahnung. Lassen sie uns, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, diese Mahnung ernst nehmen und das, was die Steine uns sagen, nie vergessen!