19.12.2018 :: Fachschaften / Mat.- Nat. / Workshop Erneuerbare Energien / 

Workshop "Erneuerbare Energien" mit Prof. Henrik te Heesen

Prof. Henrik te Heesen im Gespräch mit Schülerinnen und Schülern

Von Anne-Ly Redlich

„Erneuerbare  Energien  sind  unwirtschaftlich.  Uns  fehlen  die  technischen  Möglichkeiten  zur Energiewende. Und der Klimawandel? - Gegen den können wir sowieso nichts mehr ausrichten.“

Solche  Sätze  entstehen  oft  aus  Bequemlichkeit  heraus,  aus  der  vermeintlich  fehlenden Notwendigkeit, sich besser zu informieren. Und das in den Köpfen der Menschen, die ganz direkt von der Thematik betroffen sind.

Am 10.09. 2018 besuchte Prof. Dr. te Heesen vom Umweltcampus Birkenfeld (Hochschule Trier) das Regino-Gymnasium Prüm, um eine Generation zu informieren und zu mobilisieren, die in weiten Teilen scheinbar ihre Chancen auf Zukunft nicht erkennt.

„Der Klimawandel ist wissenschaftlich bewiesen. Lassen Sie sich da nichts Anderes erzählen!“ Prof. Dr. te Heesen belegt seine Worte mit einer Grafik, die den globalen Temperaturanstieg in Relation zur Erhöhung der Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre zeigt. Die Worte sind deutlich. Die Zahlen auch. Im  folgenden  dreiviertelstündigen  Vortrag  mit  anschließendem Diskussionsworkshop  bringt  te Heesen den SchülerInnen der Stufen 10-13 die Energieversorgungsmethoden, die uns heute zur Verfügung  stehen,  näher.  Sowohl  die  fossilen  (Kohlekraft,  Kernkraft,  Erdgas),  als  auch  die erneuerbaren (Wasserkraft, Windkraft, Photovoltaik, Bioenergie) werden erklärt und bewertet. Vor- und Nachteile werden aufgezeigt. Schnell wird klar: Wir brauchen die Energiewende. Wenn auch die Kohle noch der günstigste Stromlieferant ist, wenn auch Windräder eine Gefahr für Vögel und Fledermäuse darstellen können – wir müssen unsere Energieversorgung auf die Erneuerbaren umstellen, die ohne CO2-Emissionen und radioaktiven Müll Strom und Wärme erzeugen.

Te Heesen betont außerdem, dass der Wandel in allen drei Energiesektoren stattfinden muss: Strom,  Wärme  und  Mobilität  werden  in  Zukunft  erneuerbar  sein.  Photovoltaik,  Wind-  und Wasserkraftwerke  werden  die  ersten  beiden  Bereiche  abdecken,  im  Verkehrssektor  werden Elektromobilität, Biotreibstoffe und Wasserstoff-, bzw. methanbetriebenen Fahrzeugen zum Einsatz kommen. Ein Problem des Verkehrssektors seien aber nicht nur die Treibstoffe, sondern auch unsere heutigen Standards, so te Heesen. In Zukunft müsse viel mehr auf den ÖPNV gesetzt werden, weshalb ein Ausbau desselben unbedingt nötig sei. Auch Flug- und Schiffsverkehr sind ein großes Problem, gerade Flugzeuge sind regelrechte Emissionsschleudern. Eine Flugreise verursacht Emissionen in der Größenordnung eines ganzen Jahres Autofahren – kaum vorstellbar.

Vor allem aber zeigte der Vortrag: Die Energiewende ist kein utopisches Modell grüner Idealisten, sie ist praktikabel. Photovoltaik und Windenergie sind konkurrenzfähig geworden. Saison-Speicher wie Power-to-Gas-Methan können noch etwas effizienter werden, sind aber bereits vorhanden. Auch  technische  Lösungen  für  mittelfristige  Energiespeicherung, wie  z.B. Pumpspeicherkraftwerke, stehen uns zur Verfügung. Bei der Umstellung der Energieversorgung kann vorerst auf Erdgas zurückgegriffen werden, um Schwankungen auszugleichen, da diese Kraftwerke kaum Anlaufzeit benötigen  und  die  Abwärme  überdies  zum  Heizen  genutzt  werden  kann  (→Kraft-Wärme-Kopplung). Außerdem  ist  das  Gasnetz  in Zukunft  auch  für  Methan  aus  dem  Power-to-Gas-Verfahren nutzbar.

Natürlich sind Anstrengungen vonnöten. Aber wir, die SchülerInnen, die Studierenden, die Kinder, sind die betroffene Generation. Wir sind diejenigen, die unsere Zukunft jetzt in die Hand nehmen müssen.  Unsere VorgängerInnen  haben  es  nicht  geschafft,  haben  oft  sogar  Nachhaltigkeit verhindert. Wir müssen anfangen, die Alternativen zu unserem jetzigen Lebensstil abzuwägen und zu praktizieren.

Die Aktion  Erneuerbare  Energien  am  Regino  war  beides: ein  Eingeständnis  der  Fehler  der Vergangenheit wie auch ein Zukunftsausblick, um dessen Verwirklichung wir uns jetzt bemühen müssen.

Interview mit Henrik te Heesen

Herr Prof. Dr. te Heesen, vor 20 Jahren wurde in Deutschland die Energiewende praktisch erfunden. Seitdem boomen die Erneuerbaren weltweit – aber ausgerechnet in Deutschland brechen die Zahlen der neu ans Netz gegangenen  Anlagen ein, wie die Grafik hier am Beispiel Photovoltaik deutlich erkennen lässt. Wie würden Sie das erklären?

Wir haben damals tatsächlich mit der Energiewende angefangen. Das ist zurückzuführen auf das Erneuerbare-Energien-Gesetz, mit dem wir Anfang der 2000er die Windenergie und Photovoltaik vorangebracht haben.

Die Politik hat aus meiner Sicht den Fehler gemacht, sich nicht schnell genug an den Markt angepasst zu haben. Wir haben es in den Hochphasen (2010 – 2011) nicht geschafft, die Vergütung, die Sie fest für Photovoltaik bekommen, schnell genug zu senken, um sich der Marktentwicklung anzupassen. Deshalb haben wir wir jetzt in Deutschland das Problem hoher Kosten durch die EEG-Umlage dadurch, dass wir die feste Vergütung zahlen müssen. Das hat den politischen Willen in der Bevölkerung ein bisschen gedreht. Die Erneuerbaren haben ein schlechtes Bild bekommen: Strom ist teuer – das ist nicht richtig, denn wir in Deutschland haben dafür gesorgt, durch die hohen Kosten, die wir haben, dass wir jetzt weltweit sehr günstig Photovoltaik- und Windanlagen bauen können. Unter anderem, weil wir in Deutschland so viel gemacht haben. Dass das jetzt nicht mehr „sexy“ ist, liegt einfach daran, dass es auch politisch nicht mehr gefördert wird; das ist in der Politik kein Thema. Daher wird es auch nicht forciert. Das ist das Problem.

Inwieweit hängt das mit Lobbyinteressen zusammen?

Die Kohlelobby ist traditionell stark in Deutschland, weil sie historisch gewachsen ist. Dagegen sind die Interessenverbände Photovoltaik und Windenergie noch etwas unerfahren. Auch haben sie viele Fehler gemacht im Auftreten, was ihr Bild negativ beeinflusst hat – „böse Windräder“, „teure Offshore-Windenergie“ etc. Aber es ist günstig! Das ist das Hauptargument, warum wir es machen sollten, machen müssen: Auf rein wirtschaftlicher Basis macht es Sinn.

Eine Herausforderung der Erneuerbaren sind die Speichermöglichkeiten. Stichwort Power-to-Liquid, Power-to-Gas – wie ist da der aktuelle Stand?

Technisch können wir das alles. Wir können aus überschüssigem Strom Erdgas machen, wir können Wasserstoff machen als Vorstufe zu Methan, wir können Bio-Treibstoff erzeugen, künstlich oder synthetisch; wir können auch Power-to-Heat machen, also auch aus Strom Wärme erzeugen (mit entsprechendem Effizienzverlust). Das Hauptproblem ist der Wirkungsgrad und damit die verbundenen Kosten für den Strom. Selbst im Batteriesektor ist es noch heute so, dass der Strom aus der Batterie im Haushaltsgebrauch noch ein bisschen teurer ist als der Strom aus der Steckdose. Das macht es völlig unwirtschaftlich. Und die Industrie, die Gewerbekunden haben niedrigere Strompreise, die zahlen vielleicht 20 – 25ct/kWh statt der 30ct/kWh im Haushaltsbereich. Daher sind in diesem Bereich die Speichersysteme noch zu teuer und solange sie nicht wirtschaftlich sind und es kein Fördersystem dafür gibt, das flächendeckend betrieben wird und funktioniert, kommt die Entwicklung nicht voran.

Technologisch können wir es schon, aber auch da muss mehr getan werden, um effizienter vor allem effizienter Power-to-Gas zu machen. Das wird in Zukunft kommen. Es dauert im Moment etwas länger, weil die Fördermöglichkeiten so nicht gegeben sind, um es schnell wirtschaftllich umsetzen zu können.

Inwieweit spielt Ihrer Meinung nach die Einstellung der Bevölkerung zum Thema Energiewende eine Rolle?

Im Moment ist es ja so, dass die politische Diskussion in eine ganz andere Richtung geht. Es geht ja in der politischen Diskussion gerade völlig konzentriert um eine Flüchtlingskrise und alle anderen Themen sind verschwunden. Das hat unterschiedliche Gründe. Wir müssen sicherlich wieder eine breite Diskussion zur Energiewende führen. Energiewende heißt in dem Fall nicht nur Strom, sondern es geht hier auch um den Verkehrssektor und den Wärmesektor, um die Kombination.

Es gibt sehr viele Haushalte, die eine Photovoltaik-Anlage auf dem Dach haben, die sich das auch jetzt installieren. Das ist nicht so schwierig.

Komplizierter ist das Thema Windenergie, weil es Regionalverbände gibt, die dagegen wettern.

Im Englischen sagt man: „Not in my backyard“ – „Nicht in meinem Garten“. Das heißt, die Leute sind grundsätzlich dafür, aber wenn es in ihrem Umfeld passiert, dann wollen sie es nicht. Das ist bei den fossilen Kraftwerken leicht, die stehen weit weg oder man hat sich daran gewöhnt. Aber auch bei Photovoltaik und Windkraft ist es kein so großes Problem und wenn man die Bürger aktiv und monetär beteiligt, dann ist die Diskussion auch schnell verschwunden. Aber da werden leider auch heute noch viele Fehler gemacht, viel verbrannte Erde hinterlassen, was die fossilen Energieverbände auch für sich nutzen. Das ist auch kein Vorwurf, das ist ganz natürliches Vorgehen.

Wie sollte man denn den Leuten das Thema am besten näherbringen?

Ich denke, man sollte die Vorteile aufzeigen.

Also einmal die technischen Vorteile. Das ist nur sehr komplex, weil zum Beispiel das Thema Klimawandel sehr abstrakt ist. Wir haben es diesen Sommer gespürt, es war sehr warm und sehr trocken. Aber ob das im nächsten Jahr so ist… Der Sommer ist jetzt schon wieder vergessen, aus der Presse verschwunden. Nächstes Jahr haben wir vielleicht einen kühlen Sommer, dann ist das Thema auch vom Tisch. Es ist auch technisch sehr aufwendig, den Leuten diesen Sachverhalt klar zu machen. Das geht nur durch kontinuierliche Wiederholung in allen Bevölkerungsschichten. Wir müssen auch mit SchülerInnen diskutieren, weil sie das Problem haben. Ihren Großeltern ist es weitestgehend egal und auch Ihren Eltern wird es weitestgehend egal sein; für die rechnet sich keine neue Pellet-Heizung mehr, wenn die ihren Erdgas- oder Erdölofen haben, der gerade fünf Jahre alt ist.

Das zweite Argument ist die Wirtschaftlichkeit – was kostet das alles?

Im Strombereich geht es mittlerweile günstiger, im Wärmebereich ist es aber noch sehr schwierig. Man muss da auch die politischen Rahmenbedingungen schaffen, die Leute dazu bringen, gar nicht anders zu können und viel Aufklärungsarbeit leisten, um den Gegnern der Energiewende ihre Pseudo-Sachargumente zu nehmen. Deren Argumente sind weitestgehend leicht zu entkräften.

In Diskussionen hört man immer wieder vom Fusionskraftwerk, das eines Tages alle Bemühungen um die Energiewende unnötig machen wird. Was sagen Sie dazu?

Aus physikalischer Sicht ist das Fusionskraftwerk die Lösung all unserer Probleme, weil wir damit eine nach menschlichen Dimensionen quasi unerschöpfliche Energiequelle auf Erden haben. Das Problem ist nur: Wir haben sie noch nicht. Wir forschen seit 50 Jahren sehr intensiv an der Kernfusion und theoretisch ist es leicht, aber die praktische Umsetzung ist sehr schwierig. Seit 50 Jahren erklärt uns die Forschung, es dauere noch weitere 50 Jahre, bis wir auf industriellem Level günstig Kernfusionsstrom erzeugen könnten. Wir sind jetzt mit dem neuen Forschungsreaktor ITER in der Lage, den Grenzpunkt zu erreichen, dass wir also mehr Energie herausbekommen, als wir reinstecken müssen. Das ist dann dieser „Turning Point“ und dann kommt auch mehr Strom dabei heraus, aber wir müssen immer noch immense Energiemengen investieren, um die Fusionsreaktion am laufen zu halten und das wird sicherlich auch noch 20 – 30 Jahre dauern. Außerdem müssen wir natürlich intensiv forschen, damit wir irgendwann Strom aus Fusionsreaktoren bekommen, der günstiger ist als Wind- oder Photovoltaik-Strom.

Daher: Ja, es ist eine Lösung, aber es wird noch Jahrzehnte dauern, bis wir es haben und bis dahin brauchen wir eine Alternative, weil nämlich sonst der Zug „Klimawandel“ so abgefahren ist, dass wir die Effekte nicht mehr rückgängig machen können. Dann wird uns das Klima irgendwann so gekippt sein, dass der Fusionsreaktor nur noch dabei hilft, die Schäden einzudämmen.

Am Umweltcampus Birkenfeld bieten Sie den Studiengang Erneuerbare Energien an. Was kann man sich darunter vorstellen?

Wir haben bei uns am Umweltcampus den Studiengang Erneuerbare Energien vor sechs Jahren eingeführt. Das ist ein Wirtschaftsingenieursstudiengang, ganz bewusst aus den beiden Fachbereichen Ingenieurswesen und Betriebswirtschaft / Jura zusammengesetzt, weil wir sagen, dass die Studierenden, wenn sie fertig sind, einmal die technischen Grundlagen kennen müssen (Wie geht Photovoltaik? Wie Windenergie? Was ist ein Stromnetz? etc.) und neben den technischen Grundlagen auch wissen müssen, wie das wirtschaftlich aussieht (Wie berechne ich die Wirtschaftlichkeit eines Windparks? Wie sind die juristischen Grundlagen? Was gibt es an Fördermöglichkeiten? etc.).

Wir haben also in diesem Bachelorstudiengang die wichtigsten Komponenten aus den drei Bereichen Technik, Betriebswirtschaft und Jura zusammengenommen, damit die Studierenden, wenn sie fertig sind, auf die Energiewende vorbereitet sind und eine technische Lösung erarbeiten und diese unter Berücksichtigung der juristischen Fallstricke wirtschaftlich kalkulieren können, um sich dann im Masterstudium, das man dann anschließen kann, zu spezialisieren, zum Beispiel auf den Bereich der Windenergie oder der Stromnetze, Quartierslösungen, Smart Cities und was es da alles gibt. Die Grundlagen gibt‘s bei uns und dann kann man in die große weite Welt hineingehen, um die Dinge noch weiter voranzubringen. Das ist das Ziel des Studiums.

Vielen Dank für das Interview!


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