21.03.2019 :: Verein der Ehemaligen / Projekte und Aktivitäten / Experten in der Abtei: NS-Verbrechen aus der Sicht eines Täterkindes – beeindruckende Lesung von Niklas Frank / 
NS-Verbrechen aus der Sicht eines Täterkindes – beeindruckende Lesung von Niklas Frank

 

Am 21.11.2013 besuchte der bekannte Journalist und Schriftsteller Niklas Frank, Jahrgang 1939, auf Einladung des Vereins der Ehemaligen und Freunde des Regino-Gymnasiums Prüm unsere Schule, um am Nachmittag in der Aula vor den Schülerinnen und Schülern aller Geschichtsleis­tungskurse aus seinen literarischen Werken vorzulesen. Nachdem er bereits am Vormittag in der Re­alschule Plus in Bleialf, durch deren freundliche Vermittlung der Kontakt zu Herrn Frank zu Stande gekommen war, vor einer etwas jüngeren Zuhörerschaft einen – nach eigener Aussage – etwas sanf­teren Einblick in sein Schaffen gegeben hatte, führte er unsere Oberstufenschüler ohne irgendwel­che Umschweife in seine schonungslose, in ihrer Radikalität manchmal verstörende, literarische Verarbeitung seiner Lebensgeschichte ein, die maßgeblich durch seine Abstammung – er ist der Sohn des Naziverbrechers Hans Frank – geprägt ist.

Hans Frank, einer der mächtigsten Nationalsozialisten, war von 1939 an als Generalgouverneur des von Nazi-Deutschland besetzen Polens indirekt und direkt für die auf der menschenverachtenden Ideologie des Nationalsozialismus basierenden Ermordung mehrerer hunderttausend Juden und Po­len verantwortlich. In seinem Machtbereich lagen die Vernichtungslager Belzec, Majdanek, Treblin­ka und Sobibor. Schon früh wurde er als „Schlächter von Polen“ und „Judenschänder von Krakau“ bezeichnet, wo er sich – wohl als besondere Demütigung für das unterworfene Polen auf der alten Residenz der polnischen Könige, dem Wawel, niedergelassen hatte. Rücksichtslos schikanierte und plünderte er das Land aus, setzte gnadenlos die nationalsozialistische Herrschafts- und Rassenideo­logie durch. Goebbels stellte fest: „Frank regiert nicht, er herrscht“. Auch Brigitte Frank, Hans Franks Ehefrau und Mutter von Niklas Frank, bereicherte sich persönlich, indem sie z.B. im Ghetto „günstig“ „shoppen“ ging, worüber Niklas Frank in einer besonders eindrücklichen Passage berich­tet.

Anders als alle anderen Mitglieder seiner Familie ist Niklas Frank nicht in der Willens und nicht in der Lage auch nur ein gutes Wort über seinen Vater fallen zu lassen. Niklas Frank kann und will nichts relativieren, nichts verharmlosen. Dies macht er mit verstörender Sachlichkeit in den von ihm vorgetragenen Auszügen seiner Werke und in der sich anschließenden Fragerunde mit den Schüle­rinnen und Schülern klar.

Dass diese radikale, auch auf die Täter bezogene Ablehnung des Nationalsozialismus keineswegs eine Selbstverständlichkeit ist, wurde leider auch deutlich: Noch im Jahr 2013 wird Hans Frank of­fensichtlich als „Nestbeschmutzer“ diffamiert, ist die Verstörung über sein völlig zu Recht vernich­tendes Urteil über seinen Vater wohl größer als die Abscheu gegenüber den von diesem Vater be­gangenen oder zu verantwortenden, fürchterlichen Verbrechen.

Vielmehr trifft Niklas Frank – so gibt er auf Nachfrage bereitwillig Auskunft – immer noch, auch in bürgerlichen Kreisen, auf Zeitgenossen, die ihm beispielsweise den Handschlag verweigern, selbst unter Lehrerinnen und Lehrern! „Einem Niklas Frank reicht man nicht die Hand!“ habe er schon öf­ter in Schulen zu hören bekommen. Noch heute bedürfe es „mutiger Schulleiter und Lehrer“, die ihn einladen müssten!

Nachdenklich stimmten auch die Informationen über die Unterstützung, welche die Familie Frank nach der Hinrichtung des einst scheinbar allmächtigen, zum Tode verurteilen Vaters (1946) in den 1950er Jahren erfuhr, namentlich vom Münchner Erzbischof Kardinal Faulhaber oder durch einen namhaften deutschen Autmobil-Konzern, welcher, wie Niklas Frank sich ausdrückte, „wohl in Anerkennung der Verdienste des Vaters“ der Familie ein funkelnagelneues Auto schenkte...

Der Autor dieser Zeilen dankt Niklas Frank für diese klare und schonungslose Benennung und Darstellung des Bösen, die durch die Tatsache, dass sie durch den Sohn eines Täters vorgenommen wird, zu einer ganz besonders wertvollen historischen Quelle wird, ausdrücklich!

Gereon Esch


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